Willkommen in Brieselang
0 30/6 92 02 10 52 ← Zurückgehen

Chorknabe im Theater, Opernsänger mit Rock-Ambitionen

Musiker
Martin Constantin
Website:www.constantin-vocals.com

Heldentenor auf Abwegen?

Stand: August 2018

Heldentenor, Rockmusiker, Chorknabe, ein Brieselanger bringt zusammen, was sonst Welten entfernt ist.

Martin Constantin ist so sehr gefragt, dass er selbst für ein Interview nur wenig Zeit hat. Schließlich pendelt er regelmäßig zwischen seinem Haus im Havelland und der schweizer Wirtschaftsmetropole Zürich, wo er „brav“ im Chor der Oper auftritt. Dieses Engagement „in der zweiten Reihe“ ist aber eher untypisch für den 54-Jährigen. Ist er doch sonst gewohnt, ganz vorne im Rampenlicht der Bühne zu stehen.

Faust als Rock-Oper
Dies macht er als „Heinrich Faust“ in der Rockoper „Faust” von Dr. Rudolf Volz. Diese wurde allein in „Auerbachs Keller“, einem wichtigen Handlungsort des „Ur-Faust“, weit über 500 Mal aufgeführt. „Das Sechs-Stunden-Stück wurde auf ein Drittel konzentriert. Momentan ist es die meist­gespielte Faust-Fassung aller Zeiten“, ist sich Martin Constantin sicher.
Ebenso erfolgreich ist eine weitere Klassiker-Adaption für die Rockmusik: „Hamlet“, ebenfalls von Dr. Rudolf Volz adaptiert, bringt als Rockoper William Shakes­peare auf die Bühne zu Menschen, die sonst eher einen Bogen ums klassische Theater machen.

Unglaubliche Stimmkraft
Der Brieselanger Martin Constantin spielt hier ebenfalls die Hauptrolle. Er brilliert mit seiner einzigartigen Stimmkraft, die ihm fast verloren gegangen wäre: „Ich bin an der damaligen ‚Hochschule der Künste’ an einen Professor geraten, der meine Stimme ruiniert hat“, ist er noch heute entrüstet. Hingegen schwärmt er von seinen späteren Lehrern, darunter Erich Baum von der Deutschen Oper Berlin und Kammersänger Anton Metternich von der Semperoper Dresden. Von ihm erlernte er die von dessen Bruder Josef Metternich entwickelte Gesangstechnik, die er jetzt selbst unterrichtet.

Chemiker als Band-Chef
Der Weg zur „großen Bühne“ war mehr als abenteuerlich. Constantin wuchs in Schwedens Hauptstadt Stockholm auf. Dorthin war sein aus Sachsen stammender Vater aus der DDR geflüchtet und hatte sich in eine Schwedin verliebt. Nach dem Abitur 1985 begann der heutige Bühnenstar Lebensmittelchemie zu studieren.
Doch der Drang zu Auftritten war stärker.
Das realisierte er mit seiner Band „Liquid Sky“. Die Rocker waren in Norddeutschland sehr gefragt.
Constantin war als Sänger und Bassist Frontmann. Er schrieb zugleich die Songs. Per Zufall erkannte er, dass die „alten Tenöre“ wie Enrico Caruso eine Stimmkraft hatten, die er mit „alten Marshall-Verstärkern“ vergleichbar fand. Weil er dies lernen wollte, hängte er seine Band nach sieben Jahren an den Nagel, um sich in Berlin an der damaligen „Hochschule der Künste“ für ein Gesangsstudium zu bewerben.

Stimme wiedergefunden
Nachdem er seine Stimme wiedergefunden hatte, ging es steil nach oben. Er bekam auf Anhieb die Rolle des Vince Fontaine im Musical „Grease” in der Aufführung des Basler Theaters. „Die hatten mich vor allem wegen meiner Stimme genommen, obwohl ich gar nicht tanzen kann“, blickt er heute zurück. „Dabei finde ich Musical doof. Das ist ein Ausverkauf der Kunst, an dem ich mich nicht mehr beteiligen will. Deshalb habe ich alle weiteren Angebote in dieser Richtung abgelehnt.“

Wagner in Bayreuth
Stattdessen wurde der Wagner-Fan für den Chor der Festspiele in Bayreuth und vom Opernhaus Zürich engagiert.
Er trat im Sektor „Helden­tenor für Deutsches Fach“ in Rollen wie Florestan in Fidelio von Ludwig van Beethoven, als Max in „Der Freischütz” von Carl Maria von Weber und als Erik in „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner auf. Mittlerweile steht er dem „Opernbetrieb“ ebenfalls skeptisch gegenüber: „Einerseits geht es ums Sparen um jeden Preis, zumindest bei den Schauspielern und unteren Chargen. Dabei könnte man eher bei der Intendanz ansetzen. Was mich besonders stört, ist die neue Mode, Inszenierungen so gegen den Strich zu bürsten, dass man die Vorlage nicht mehr erkennt!“

Zwei Welten
Die Erfahrungen in zwei Welten, die kaum eine Verbindung zueinander haben, brachte Constantin auf die Idee, diese doch einmal zusammen­­­zu­bringen.
Den Anfang machte seine Rockoper „The Amulet“, die er selbst schrieb. Dann kamen „Faust“ und „Hamlet“, wo er sichtlich davon fasziniert ist, wie „diese wunderschönen Verse“ einem neuen Publikum näher gebracht werden. Jetzt ist er gerade dabei, eine Rockoper als Auftragswerk zu verfassen. Ist nach Goethe nun Friedrich Schiller dran?
„Darüber darf ich leider nichts sagen“, bedauert er.

Star-Macher in Socken
Der ungewöhnliche Brieselanger ist sogar erfolgreicher Starmacher: Sein Schüler Martin Kesici hat 2003 die Sat1-Castingshow „Star Search” gewonnen. Er ist heute als Musiker und streitbarer Radiomoderator aktiv. Das Klischee vom wilden Leben eines Rock ’n’ Rollers straft Martin Constantin ebenso Lüge wie das vom distinguierten Opernsänger. So zeigt er keine Star-Allüren, besteht darauf, dass man das Laminat seines mit Photovoltaik „gedeckten” Hauses nur „schuhlos“ betreten darf und ist stolz darauf, den Nachbarn mit Heavy Metal die Lust an Schlagern und Rauchen zu vermiesen.